„Warum? Warum kann er mich nicht einfach gehen lassen?"
(Darcy in Lost Girls 1)
(Darcy in Lost Girls 1)
Worum geht’s?
Ein luxuriöses Strandhaus, ein erfolgreicher Footballstar als Ehemann. Von außen wirkt das Leben der 21-jährigen Darcy perfekt. In Wahrheit ist es ein Albtraum. Jeder Schritt wird von ihrem Mann beobachtet, jeder vermeintliche Fehler bestraft. So kann sie nicht weitermachen. So will sie nicht weitermachen. Während sie ihre Flucht plant, begegnet sie Ellis – einem Engländer, der auf den ersten Blick erkennt, was sie vor allen anderen verzweifelt verbirgt. Darcy ahnt nicht, dass es genau diese Begegnung ist, die ihr Leben für immer verändern wird. Denn Jason wird sie nicht einfach so gehen lassen …
Lost Girls – Breathing for the first time ist Band 1 der Lost Girls-Dilogie. Das Buch ist in sich geschlossen.
Schreibstil und inhaltliche Hinweise
Das Buch ist in Ich-Perspektive von Darcy geschrieben. Das Buch beinhaltet potenziell triggernde Inhalte aus dem Bereich toxische Beziehung und häusliche Gewalt.
Meine Meinung
Ich habe vorher noch nie ein Buch von Nikola Hotel gelesen, aber als Lost Girls angekündigt wurde, war mein Interesse riesig. Beziehungsgewalt ist ein wahnsinnig wichtiges Thema, was in meinen Augen viel zu selten in Büchern vorkommt. Wahrscheinlich, weil es schwer umzusetzen ist, man es nicht effekthascherisch einsetzen möchte und vielleicht auch, weil Autorinnen Angst davor haben, dem Thema nicht gerecht zu werden. Aber es ist ein Thema, über das wir reden müssen und sollten und vor allem, für dass wir sensibilisiert werden sollten. Und so entschied ich mich, das Buch zu lesen.
Gleich vorweg: Das Buch ist keine leichte Kost. Protagonstin Darcy ist mit 21 Jahren noch sehr am Anfang ihres Lebens und muss sich schon schweren Themen aussetzen. Darcy ist verheiratet mit einem NFL-Superstar. Sie ist quasi von Beruf Spielerfrau, Hausfrau, Ehefrau. Sie ist abhängig in jeder Form, hat kein eigenes Geld, kein eigenes Leben, keine Bezugspersonen und keinen Berufsabschluss. Das Buch beginnt mit der Meldung, dass Darcy verschwunden ist und ihr Ehemann sie sucht. Die Vermutung liegt nahe, dass sie möglicherweise Suizid durch Ertrinken begangen hat. Doch der Leser erfährt, was passiert ist und warum Darcy von der Bildfläche verschwand. In vielen Szenen, die von harten Worten über blutige Taten alles abdecken und zeigen, wie vielfältig psychische und physische Gewalt sein kann, erlebt der Leser, was Darcy durchmachen musste. Die Autorin zeigt hierbei bewusst die innere Zerrissenheit zwischen Darcys Zweifeln, ob es vielleicht ihre Schuld ist, ob sie eine bessere Ehefrau hätte sein können und müssen, und der zunehmenden Erkenntnis, dass Jason sie kaputt macht. Aber es ist gar nicht mal so leicht, aus dieser Ehe zu entkommen. Denn Jason ist so angesehen, dass Anwälte Angst vor ihm haben und dass die Presse Darcy niemals glauben würde. So vergehen Seiten um Seiten, wo der Leser Darcys Pein miterlebt. Und ja, es gab einige Szenen, die mir Gänsehaut verursacht haben, an einer Stelle musste ich das Buch sogar für ein paar Tage weglegen. Es ist beklemmend, es ist verstörend und es ist zum Verzweifeln. Man möchte sie retten, aber man erlebt, wie sie sich selbst nicht retten kann, weil ihr keiner helfen mag.
Also Darcy nun flieht und einen Neuanfang starten möchte, entsteht eine neue Dynamik. Sie kommt an ein Frauencollege, wo sie erstmals Freunde findet, die ihr beistehen. Und irgendwie hat mich hier die Geschichte leicht verloren. Ich verstehe, dass die Autorin Darcy hier einen sicheren Ort schaffen wollte und der Found Family Charakter ist gut gelungen. Aber dann entstehen viele kleine Sachen, die zwischen kuriosen Zufällen über konstruierte Schwierigkeiten ein wenig die Greifbarkeit der Geschichte für mich beeinträchtigt haben. Auch lernt Darcy einen neuen Mann kennen, Ellis. Er soll das Green Flag-Gegenbeispiel sein und die beiden sind durchaus süß zusammen, aber mir fehlte sowohl zwischen den beiden die Tiefe als auch bei Ellis generell. Er ist einfach da, leider recht eindimensional und – auch wenn es fies klingt – wäre nicht nötig für die Entwicklung gewesen. Viel wichtiger war für Darcy das Finden eines Supportnetzes und nicht unbedingt einer neuen Liebe. Vielleicht wollte die Autorin hier einfach zu viel Gutes nach all dem Schlechten, es hat mich jedenfalls nur bedingt überzeugt.
Das große Finale lässt mich dann zwiegespalten zurück. Überraschend actionlastig, eine Aneinanderreihung von klugen und blöden Entscheidungen, der große Wille eines guten Endes und gleichzeitig möchte die Autorin offenbar auch, dass ein großes Problem der Realität einfließt: Nämlich die fehlende Verantwortung, die oftmals in solchen Fällen den Aggressoren auferlegt wird. Unter geschickter Nutzung von Presse- und Social Media-Content wird das Aftermath der Enthüllungen um Darcys Wiederauferleben eingebracht und zeigt, wie – leider – in solchen Fällen immer wieder die Opfer in Frage gestellt werden. Insgesamt empfand ich das Buch als stark und vor allem behutsam erzählt, mit mutigen Ansätzen, aber leider auch einigen dramaturgisch überzogenen Elementen.
Mein Fazit
Lost Girls – Breathing for the first time ist ein intensives und schmerzhaftes Lebeerlebnis, bei dem die Autorin unglaublich behutsam aber auch mitreißend Darcys Qualen und Ängste einfängt. Ich habe viel gelitten, aber muss auch gestehen, dass mich das letzte Viertel des Buches irgendwie etwas verloren hat und mir unverhältnismäßig actionreich daherkam. Trotzdem ein wichtiges, sehr lesenswertes Buch.
Bewertung: ★★★★☆
[Diese Rezension basiert auf einem vom Verlag oder vom Autor überlassenen Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde hiervon nicht beeinflusst.]
