30.01.2019

Sarah Vaughan - Anatomie eines Skandals

352 Seiten, erschienen als eBook und broschierte Ausgabe im Bastei Lübbe Verlag am 31.01.2019

„Aber verbringen Sie mal einige Zeit an irgendeinem Gericht – dann können Sie sehen, wie fragil das Leben ist. Wie die vertraute Welt ganz schnell in sich zusammenfallen kann, wenn man sich ein einziges Mal für einen schicksalshaften Sekundenbruchteil nicht an das Gesetz hält.“ 
(Kate in Anatomie eines Skandals)

Worum geht’s?

Es ist eine der größten Schlagzeilen der Presse: James, Staatssekretär und guter Freund des Premiers, soll fremdgegangen sein, mit seiner Referentin, über längere Zeit. James Ehefrau Sophie ist geschockt. Doch weder sie noch James ahnen, dass es mit der öffentlichen Demütigung nicht getan ist. Denn kurze Zeit später ist plötzlich nicht mehr nur von einer Affäre die Rede – James soll seine Kollegin vergewaltigt haben. Die taffe Anwältin Kate möchte alles daransetzen, James wegen Vergewaltigung zu verurteilen. Eine nervenaufreibende Zeit für James, Sophie und Kate beginnt, denn neben der öffentlichen Meinung müssen sie sich auch ihrer Vergangenheit stellen…

Das Buch ist in sich geschlossen, es gibt keine Fortsetzung.


Schreibstil / Gestaltung

Auf dem Cover sieht man ausschnittsweise eine Frau, die durch etwas durchzuluschern scheint. Das Cover wirkt geheimnisvoll und so, als würde man etwas Intimes beobachten. Die Covergestaltung ist insoweit im Bezug auf das Buch ganz gut gelungen. Auch der Untertitel „Du willst dienem Ehemann glauben, sie will ihn zerstören“ passt sehr gut zum Buch.

Der Schreibstil des Buches ist teils komplex. Es gibt viele verschachtelte Sätze und sehr ausufernde Situations- und Ortsbeschreibungen. Es kostete mich einige Konzentration, das Buch über längere Strecken zu lesen. Sprachlich würde ich das Buch als durchschnittlich anspruchsvoll bezeichnen. Es gibt parallel einen Handlungsstrang in der Gegenwart und einen Handlungsstrang in der Vergangenheit, beide Stränge werden durch Datumsangaben am Kapitelanfang differenziert. Es wird teilweise tageweise gesprungen, weshalb ich gelegentlich zurückblättern musste, da ich unsicher war, wo in der Story ich aktuell bin. Darüber hinaus wechseln regelmäßig die Erzählperspektiven, es wird aus Sicht mehrere Personen erzählt, allerdings in der dritten Person mit Ausnahme von der Anwältin Kate, diese erzählt uns in der Ich-Perspektive ihre Eindrücke. Ich habe insgesamt etwas gebraucht, in das Buch herein zu finden, da es doch einige Beteiligte und viele Sprünge gibt.

Mein Fazit

Zu dem Buch habe ich hauptsächlich aufgrund der Story gegriffen. In Zeiten von #MeToo gibt es immer wieder Anschuldigungen gegen bekannte Persönlichkeiten und hier habe ich erwartet, dass man einen Roman in den Händen hält, der sich sowohl in politischer Hinsicht als auch in persönlicher Hinsicht dem Thema widmet, wie die Grenzen verwischen können und ein derartiges Gerichtsverfahren abläuft.

Bereits der Einstieg in das Buch fiel mir unerwartet schwer. Die Geschichte beginnt mit der Vorstellung von Kate, wie sie den Fall auf den Tisch erhalten hat, springt dann aber zeitlich erst einmal einige Monate zurück und stellt uns Sophie und James vor, wie die Affäre auffliegt. Es dauert relativ lange, bis wir wirklich beim Verfahren ankommen. Dies ist neben doch sehr ausufernden Sätzen zu Situationen und Orten vor allem auch dem zweiten Handlungsstrang in der Vergangenheit geschuldet. In diesem 1993-Strang wurde sehr viel Energie gelegt, ohne dass bis etwa 2/3 des Buches überhaupt klar ist, wofür der Strang gut ist. Das empfand ich als sehr schade, weil ich zeitweise fast vergessen hatte, dass es eigentlich um die Frage „Vergewaltigung oder nicht“ geht.

Das Strafverfahren gegen James wird für meinen Geschmack und meinen Anspruch sehr nebensächlich thematisiert. Eigentlich hätte es für mich der Schwerpunktsteil im Buch sein müssen, insgesamt erhält der Leser aber nur hin und wieder einige Sätze aus der Vernehmung und zudem sehr viele Gedankengänge von Kate zu dem Thema. James Perspektive erfahren wir ziemlich selten und dann wirkt er extrem unsympathisch. James Frau Sophie wird für mich auch oft zu nebensächlich behandelt, erst im letzten Drittel tritt sie etwas in den Vordergrund.

Die Autorin versucht, eine vielschichtige und spannungsvolle Geschichte zu spinnen. Bei mir hat sich dieses Gefühl aber leider nie wirklich eingestellt. Ich weiß, dass das Buch vielerorts sehr gehyped wird und als sehr suspensevoll betitelt wird. Dem kann ich mich nicht anschließen. In der Vergangenheitsgeschichte werden einige Fragen und zwei große Geheimnisse aufgeworfen, die sich in der Gegenwart entladen sollen. Tatsächlich ist es aber so, dass das eine Geheimnis für mich vorhersehbar, aber leider storyschädlich ist, während das andere Geheimnis für mich vollkommen irrelevant und uninteressant ist. Besonders das vorhersehbare Geheimnis zerstört für mich einen großen Teil der Glaubwürdigkeit der Geschichte und stellt die Vorzeichen der Frage „Schuld oder nicht“ eher auf „kann James sich retten oder nicht“.

Leider ist es auch so, dass nach hinten hinaus die Geschichte ab ca. 70% nur noch dahinplätschert. Ab Enthüllung des vorhersehbaren Geheimnisses war für mich das Gerichtsverfahren ehrlich gesagt gegessen und uninteressant geworden, wobei bereits vorher durch die wenigen Einblicke gar keine eigene Meinung hinsichtlich eines möglichen Schuldspruches entwickelt werden konnte. Nach der Enthüllung verhalten sich aber auch alle Figuren plötzlich anders und komisch. Die eine schaut gutmütig über das Geheimnis hinweg und eine Person steht plötzlich als labil da. Auch danach wirkt es leider so, als würde die Autorin krampfhaft versuchen, jetzt noch Twists einzubauen. Es gibt es Urteil und unmittelbar danach versucht die Autorin, das Urteil auf andere Weise wieder zu zerstören. Da frage ich mich: Wenn sie das Ergebnis doch unbedingt haben wollte, wieso hat sie es dann nicht so gemacht? Es wirkt so einfach nur gewollt, vor allem mit den noch folgenden Enthüllungen und den Reaktionen hierauf, insbesondere von Sophie. Die letzten 100 Seiten des Buches geht es hauptsächlich um die Auswirkungen des Urteils, hier wird auch ganz krampfhaft dann versucht, dass das vorhersehbare Geheimnis noch sinnvoll eingebaut wird, was meiner Meinung nach aber fehlschlägt.

Insgesamt konnte mich das Buch stellenweise nett unterhalten, größtenteils plätscherte die Geschichte aber vor sich hin, mit wenig Spannung, wenig Raum für eigene Meinungen und vielen fehlschlagenden Twists. Dieses Buch ist für mich weder ein Thriller noch dem Genre Suspense zuzuordnen. Tendenziell wäre es wahrscheinlich als Drama mit etwas Spannung besser deklariert. Ich kann den Hype absolut nicht nachvollziehen und sehe hier einen Roman, der so viel Potenzial hatte, aber durch eine übermütige Autorin in eine ganz andere Richtung gelenkt wurde. Schade, dass hier nicht das Augenmerk aufs Verfahren gelegte wurde und eine „He said, she said“-Geschichte präsentiert wird, bei der der Leser anhand der Beweise selbst einen Eindruck zusammenbauen kann.

+++ es folgen im Weiteren mögliche Spoiler +++

Mein größter Kritikpunkt ist das Thema 1993 und Kate in der Gegenwart. Durch die Enthüllung um James und Kate wird mit sofortiger Wirkung die Geschichte um Olivia und James irrelevant, weil aus einem Vergewaltigungsverfahren eher ein Racheversuch wird. Eine Prozessanwältin, die die Anklage vertritt, ist also befangen, bringt eine Grundwut gegen den Angeklagten mit und dann endet der Handlungsstrang einfach. Ja, es wird nur für den Leser aufgelöst, wieso Kate die Anklage machen wollte, wieso sie so engagiert war, aber nicht in der Story. Nur ihre Freundin Ali, die sich das absolut absurd zusammengereimt hat, weiß davon und entscheidet sich, obwohl sie heftige Sorgen hatte, das Thema einfach sein zu lassen. Trotzdem möchte sie aber unbedingt Sophie erzählen, was ihr Mann für ein Abschaum ist. Weil Ali und Sophie sich aber eigentlich nicht kennen, muss halt zufälligerweise ein Klassentreffen her, bei dem die betrunkene Ali Sophie das nochmal entgegenschleudern muss. Und Sophie? Die fängt mit dem Wissen um ihren Mann, der offenbar bereits mindestens zweimal vergewaltigt hat, nichts an. Stattdessen lässt sich ein Geheimnis aus der Collegezeit platzen, dass James und Tom den Tod eines Studenten miterlebt haben. Ja, miterlebt, nicht verursacht. Dass dies das große Geheimnis um James und Tom war, war am Ende fast schon lachhaft und spielte keine Rolle. Für mich ist das nicht einmal ein richtiger Skandal.

Somit ist insgesamt immer wieder etwas aufgegriffen worden, was aber letztendlich verpufft ist. Kates eigene Vergewaltigung spielt keine Rolle, Alis Wissen spielt keine Rolle, Kate selbst verpufft eigentlich auch, da ihre Befangenheit nicht aufgedeckt wird und der Prozess nicht gefährdet ist, Sophies Wissen spielt keine Rolle, Toms Geheimnis hat nichts mit der Vergewaltigung zu tun – alles, was aufgegriffen wurde, spielt im Endeffekt keine Rolle.

Ich habe einfach extreme – persönliche – Probleme damit, wenn der tragende Hauptcharakter die Anklage vertritt und so vehement gegen sämtliche Prinzipien des Rechtsstaats verstößt, dem sie sich verschrieben hat und den zu achten und zu vertreten sie sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, anstatt diesen Rechtsstaat für ihren eigenen Fall um eine Entscheidung zu ersuchen. Dass diese Bombe dann aber sich als Blindgänger entwickelt, weil es eigentlich keine Rolle spielt, macht es nicht einfacher.

Bewertung: ★★☆☆☆

[Diese Rezension basiert auf einem Rezensionsexemplar, dass mir freundlicherweise vom Verlag überlassen wurde. Meine Meinung ist hiervon nicht beeinflusst.]