06.08.2020

Brittainy C. Cherry - Wie die Ruhe vor dem Sturm

448 Seiten, erschienen als eBook und broschierte Ausgabe im LYX-Verlag am 29.06.2020
„Hast du noch nie in einem Raum voller Menschen gestanden und das Gefühl gehabt, dass kein Einziger irgendetwas über dich weiß?“
(Grey zu Ellie in Wie die Ruhe vor dem Sturm)

Worum geht’s?

In ihrer Jugend waren Eleanor und Greyson ein ungleiches Paar – sie die ruhige Außenseiterin, er der beliebte Junge. Doch Ellie konnte Greysons wahres Ich sehen. Beieinander konnten sie sein, wie sie wirklich sind. Bis das Schicksal sie auseinanderreißt und tausende Kilometer ihrer Liebe einen Strich durch die Rechnung machen. Über 15 Jahre später treffen sie wieder aufeinander, mittlerweile erwachsen. Ellie soll als Nanny auf zwei traumatisierte Kinder aufpassen. Die Bezahlung ist unglaublich gut, die Anforderungen hoch. Als Ellie ihren Auftragsgeber kennenlernt, kann sie gar nicht glauben, dass ihr Grey wieder vor ihr steht. Schnell merkt sie jedoch, dass von ihrem Grey nichts mehr übrig ist. Das hier ist Greyson East, CEO, Vater zweier Töchter – und Witwer. Nur wieso hat das Schicksal ihre Wege erneut kreuzen lassen?

Wie die Ruhe vor dem Sturm ist Band 1 der „Second Chances“-Reihe, die Geschichte ist jedoch in sich geschlossen.
Schreibstil / Gestaltung

Das Cover ist mit verschiedenen Wasserfarben in blau, grün und lila gehalten. Zudem zeigt es einige Libellen. Beides ist eine direkte Anspielung auf die Geschichte. Es wirkt wunderschön und stimmig, zugleich dezent. Das Buch unterteilt sich in Teil 1 und Teil 2, wobei Teil 1 die Vergangenheit 2003 und Teil 2 die Gegenwart 2019 umfasst. Die Geschichte verläuft linear und sowohl Ellie als auch Grey führen als Ich-Erzähler durch die Geschichte. Der Schreibstil ist locker, jedoch auch von vielen Emotionen geprägt. Das Buch lässt sich angenehm lesen. Das Buch enthält Intimszenen.

Mein Fazit

Nachdem lange Zeit immer wieder verschiedene Leute meinten, ich solle endlich mal ein Buch von Brittainy C. Cherry lesen, wollte ich dies endlich in Angriff nehmen. Denn die Geschichte klang gut, ich mag das Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart. Nach vielen Deklarationen als Jahreshighlight und absolutes Herzschmerzbuch waren meine Erwartungen auf jeden Fall recht hoch. Das Problem bei Erwartungen ist nur leider: Wer welche hat, kann enttäuscht werden. Und so war es hier ein kleines bisschen.

Als Ellie nach über 15 Jahren bei ihrem Vorstellungsgespräch für einen neuen Job ausgerechnet auf Greyson trifft, kann sie es nicht fassen. Ihr Grey. Der Junge, der ihre Highschool-Zeit erträglich gemacht hat, ihr erster Kuss, ihre erste Liebe. Der Junge, der ihr in der schwersten Zeit zur Seite stand, der am Telefon schlief, damit er bei ihr ist. Nie hat sie ihn vergessen können, auch als der Kontakt langsam abnahm. Und jetzt steht er wieder vor ihr. Doch dieser Greyson hat nichts mit ihrem Grey gemein. Er ist kalt, undurchdringlich, abweisend. Denn in der Zwischenzeit hat auch in seinem Leben das Schicksal zugeschlagen: Bei einem schweren Autounfall wurde seine komplette Familie schwerverletzt und er verlor Nicole – seine Frau, Mutter seiner zwei Töchter, die Person an seiner Seite, die Sonne in seinem Leben. Und jetzt kann er seine Töchter nicht mehr ansehen, stürzt sich in Arbeit und ertrinkt in Schuldgefühlen. Als jetzt Ellie auftaucht, ist er überfordert. Sie erinnert ihn an eine Zeit, wo das Leben nicht so schwer war. Und gleichzeitig fordert sie den neuen Greyson heraus, wieder mehr wie der liebevolle Grey zu werden. Doch Grey und seine Töchter sind harte Nüsse. Ellie ist gewillt, diese Familie wieder zu einer Einheit zusammenzuführen – auch wenn ihr Herz in Greys Gegenwart immer mehr schmerzt. Hat das Schicksal ihre Wege für eine zweite Chance zusammengeführt?

Herzschmerzgarantie, da war ich mir sicher. Nach so vielen Jahren sehen sich die beiden wieder und dann muss Ellie feststellen, dass ihre große Liebe zwischenzeitlich eine andere Frau geheiratet und mit ihr Kinder bekommen hat? Das kann doch nur interessant werden. Auch die Frage, wie die Autorin mit dem Thema Verlust, Weitermachen und Neuverlieben umgeht, hat mich sehr interessiert. Da bereits so viele zu mir meinten, dass die Autorin die Königin der Emotionen ist, war ich wirklich gespannt. Doch nach dem Buch muss ich sagen: Ich habe einfach zu viel erwartet. Keine Frage, die Autorin schreibt wunderbar. Wirklich, der Schreibstil hat mir gefallen, die emotionalen Gedankengänge, die Thematik. Doch zugleich konnten mich nicht alle Aspekte der Geschichte abholen – insbesondere die Liebesgeschichte nicht. Dennoch hat Wie die Ruhe vor dem Sturm eine gewisse Magie. Es ist ein ruhiges Buch, was vor allem durch die bedrückende Atmosphäre, das Gedankenkino des Lesers und die rohen Emotionen im Buch wirkt. An wie vielen Stellen habe ich mich erwischt, dass ich mich gefragt habe „wie würde ich mit dieser Situation umgehen?“ und dabei gemerkt habe, wie mir schwer ums Herz wurde. Das Buch bringt in dieser Hinsicht sehr viel mit – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Es zeigt, dass das Leben nicht immer gradlinig verläuft, welche Wucht Schicksalsschläge haben können, wie unterschiedlich Menschen trauern können. Aber es greift auch auf, wie schwer Weitermachen sein kann, wie viel Hoffnung ein Mensch haben kann und wie kompliziert Verlust sich auf verschiedene Menschen auswirken kann. Bei diesem Buch kann man definitiv sagen: Hier ist der Weg das Ziel. Es geht gar nicht so sehr darum, wie das Buch endet oder welche Erkenntnisse am Ende stehen. Es geht um den Prozess, der dahinführt. Es geht um die Rückschläge, die Ellie und Grey erleben müssen. Es geht um die lichten Momente, in denen es so scheint, als würde es vorwärts gehen. Es ist ein stetes Auf und Ab. Dieses Buch verzichtet auf Drama, denn das braucht es gar nicht. Die Geschichte ist schon gewaltig genug.

Schon der erste Teil in der Vergangenheit hat es in sich. Eine unschuldige Jugendliebe, die so sehr vom Schicksal erschüttert wird, dass es wehtut. Man ist dabei, wie sich diese beiden doch gegensätzlichen Charaktere Ellie und Grey kennenlernen und wie vor allem Grey versucht, Ellie für sich zu gewinnen. Denn bei ihr hat er das Gefühl, sie sieht sein wahres Ich. So schafft er es, Ellie auch ein wenig aus ihrem Schneckenhaus zu holen. Es ist eine süße, schöne Liebesgeschichte. Die klassische erste Liebe, so niedlich und zurückhaltend, so gutgläubig und hoffnungsvoll. Bis Ellie gehen muss, weil das Schicksal hereinbricht. Bis Ellie leiden muss, weil das Schicksal andere Pläne hat. Anfangs halten beide noch Kontakt, sie schreiben sich Mails, telefonieren. Doch das verläuft sich irgendwann. Das tat wirklich weh und ich war traurig. Generell hat mich der erste Teil sehr berührt und ich hätte total gern noch viel mehr über die beiden in der Vergangenheit erfahren. Knapp 1/3 macht dies an der Geschichte aus und ich habe jede Seite so sehr geliebt. Ich habe mit ihnen gelacht, mitgefiebert und gelitten. Eine auf den ersten Blick untypische Jugendliebe, die vor allem für Ellie zu einer wichtigen Stütze wird. Und dann so je endet…

Bis sie über 15 Jahre später wieder aufeinandertreffen. Mittlerweile sind beide erwachsen, Anfang 30, leben ihr Leben. Grey mehr als Ellie, denn Ellie hangelt sich von Nannyjob zu Nannyjob, lebt mit Shay zusammen, redet wie ein Wasserfall und hat keinen Partner. Grey hingegen ist mittlerweile CEO vom Familienunternehmen, hat eine Frau geheiratet, zwei Kinder. Doch dieses Mal hat ihn das Schicksal heimgesucht, als vor einigen Monaten bei einem schrecklichen Verkehrsunfall Greys Frau starb und seine ältere Tochter Karla schwer verletzt wurde. Seitdem ist das Zuhause nur noch ein Haus, in seinen Kindern sieht er nur noch seine tote Frau und sobald er die Augen schließt, vernichten ihn seine Schuldgefühle. Zur Betreuung der Kinder sucht er eine Nanny – und so stolpert Ellie in sein Leben. Seine Ellie. Doch er ist nicht mehr ihr Grey. Und so sind die beiden, die sich einst zu nah standen, jetzt so fern. Da Ellie beste Referenzen hat, stellt Grey sie ein. Und von da an beginnt Ellie, sein Leben und das der Familie gehörig auf den Kopf zu stellen. Immer wieder kommt es zu Reibereien, Grenzüberschreitungen und Streitigkeiten. Denn Ellie kann diesen neuen Grey nur schwer akzeptieren und merkt auch, wie sehr die Mädchen unter ihrem abwesenden und abweisenden Vater leiden. Sie versucht, diese Familie wieder zusammenzuführen. Wie eine Löwin kämpft sie, Greys Panzer zu durchbrechen und auch den Mädchen, deren Leben Kopf steht, Hoffnung zu geben. Schon bald ist Ellie weitaus mehr als das Kindermädchen – sie ist die gute Seele des Hauses, getrieben von Hoffnung und den Glauben daran, der Familie helfen zu können. Doch zunehmend kommen bei ihr auch alte Gefühle durch.

Und hier fing es an, für mich kompliziert zu werden. Denn mit Grey und Ellie treffen verschiedene Welten aufeinander: Die Vergangenheit und die Gegenwart, die Trauer und die Hoffnung. Und das Mädchen, was Grey nie vergaß, trifft auf den Jungen, der zwischenzeitlich eine Familie mit einer anderen aufgebaut hat. Ich mag den Ansatz der Autorin, dass nach einem Verlust die Geschichte nicht zuende ist und früher oder später der Zurückgebliebene auch weitermachen kann und muss. Aber die Wahrheit ist: Die Liebesgeschichte von Ellie und Grey war für mich nicht greifbar. Sicher, in ihrer Jugend waren die beiden für einen längeren Zeitraum verliebt ineinander und Grey war wichtig für Ellie. Aber es war für mich nicht glaubwürdig, wie diese Gefühle all die Jahre wie ein Schwelbrand weiterköchelten, während Grey sich eine komplett neue Welt aufgebaut hat. Daher war meine erste Befürchtung ja, dass es am Ende so wirken könnte, als sei Ellie ein Lückenfüller. Das ist zum Glück nicht passiert. Aber zugleich wurde mir nicht klar, wieso die Gefühle wiederentfacht sind bei Grey. Es war einfach so ein „zack“-Moment, jetzt sind sie da und fertig. Ellie hingegen hat sich mit ihrer für mich unpassenden Anspruchshaltung echt unsympathisch gemacht. Sie überschreitet laufend Grenzen und oftmals empfand ich sie unpassend aufdringlich. Ihre Haltung, dass sie Grey ja wohl verdient hätte, fand ich befremdlich. Es wirkte mir alles zu gewollt, zu gezwungen und zu wenig greifbar. Es war für mich zu wenig erklärt und die Autorin ist daran gescheitert, mir klarzumachen, wieso die Liebe wieder aufflammt – unabhängig davon, dass Grey nach vorne gucken möchte und Ellie gerade da ist. Es ist einfach so, dass Grey und Ellie in der Gegenwart für mich deutlich mehr wie Freunde als wie Liebende gewirkt haben. Und für mich auch als diese deutlich besser funktionieren.

Ganz stark fand ich hingegen die komplette Familiengeschichte, die von der Autorin sehr facettenreich ausgestaltet wurde. Im Fokus steht, wie aus diesen drei Individuen, die unter einem Dach leben, wieder eine Familie werden soll – ohne ihren Kleber, wie die verstorbene Mutter liebevoll genannt wird. Jeder der drei hat sein eigenes Päckchen zu tragen. So redet die kleine Tochter Lorelai mit ihrer toten Mutter, während die ältere Tochter Karla sich komplett zurückzieht und die Leute mit ihren Narben provoziert. Grey stürzt sich in Arbeit, damit er keine Zeit hat, nachzudenken. Hierbei vernachlässigt er seine Töchter komplett, was insbesondere bei Karla zur Rebellion führt. Die Familiengeflechte sind stark gestört und Ellie gibt alles, durch verschiedene Aspekte dafür zu sorgen, dass die dunkle Stimmung aufgehellt wird und jedem bei seinem Heilungsweg zu helfen. Ich fand es sehr emotional, wie sich die Familienstrukturen mit der Zeit ändern, wie einige Ereignisse Grey zum Umdenken bewegen und wie alle versuchen, sich Stück für Stück eine neue Normalität zurückzuholen. Die komplette Handlung um die Familie und ihre Trauer war für mich das große Highlight der Geschichte und konnte mich – im Gegensatz zur krampfhaften Lovestory – wirklich berühren.

Zu den Charakteren muss ich generell sagen, dass im ersten Teil Ellie mir sehr gut gefallen hat, ich Grey aber etwas komisch und aufdringlich fand. Im zweiten Teil wandelt sich das dann komplett: Ellie hat mich von Anfang an enorm aufgeregt, ich fand sie hochgradig anstrengend, nervig und auch nicht altersangemessen. Sie macht den Eindruck, eher um die 20 statt um die 30 zu sein. Insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass sie als Nanny mittlerweile auf viele Kinder aufgepasst hat, fand ich das komisch. Sie wirkt einfach nicht erwachsen, sie ist impulsiv, redet zu viel ohne nachzudenken, wirkt teilweise komisch naiv und für mich auf respektlos, distanzlos und übergriffig. Ich fand sie in der Gegenwart als Charakter teilweise echt furchtbar und war genervt von ihr. Mehr als einmal weißt Grey sie auf ihr unprofessionelles Verhalten sind – was ich ebenso empfand. Klar, man kann es toll finden, wie sie sich teilweise einsetzt und dabei eben für den guten Zweck auch Grenzen überschreitet. Ich fands hingegen leider einfach nur unangenehm. Sie hat zwar stets gute Intentionen, aber das ändert für mich nichts an ihrer Art. Grey hingegen hat mir in der Gegenwart sehr gefallen, er ist kompliziert und sehr darauf bedacht, keine Emotionen herauszulassen, während es unter der Oberfläche stark brodelt. Seine schrittweise Entwicklung war nachvollziehbar und seine bedachte Art machte ihn sehr interessant und teilweise undurchschaubar. Auch die Nebencharaktere, insbesondere die Töchter, fand ich wunderbar ausgestaltet. Zudem lernt man mit Shay und Landon bereits die Charaktere der Folgebände kennen, die mir bereits gut gefallen haben.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass es durchaus eine Freude war, dieses Buch zu lesen. Die Autorin versteht wirklich, emotionale Szenen zu konzipieren und die Gefühle im Buch sind lebhaft und greifbar. Dennoch konnte mich das Buch nicht komplett überzeugen und vor allem wirkte die krampfhafte Liebesgeschichte in der Gegenwart zu unrund und zu gewollt. Ellie als Charakter konnte mich leider auch nur begrenzt begeistern. Das Buch enthält viele starke Botschaften, tolle Charaktere und viel fürs Herz. Aber vielleicht wollte die Autorin an einigen Stellen auch einfach zu viel. Auf jeden Fall wird dies nicht mein letztes Buch von ihr gewesen sein, ein Jahreshighlight ist es für mich aber auch nicht. Gutes Buch, starke Handlung, viele Emotionen – aber leider nicht vollkommen überzeugend.

Bewertung:★★★★

[Diese Rezension basiert auf einem Rezensionsexemplar, das mir freundlicherweise vom Verlag überlassen wurde. Meine Meinung ist hiervon nicht beeinflusst.]